Blick zurück ins Mittelalter
Bad Wimpfen - Ünal tunkt den Pinsel in die blaue Farbe und färbt damit den Adler. Der sitzt nicht in Natura auf dem Zeichentisch, sondern entsteht dank einer Schablone auf dem selbstgestalteten Holzwappen des 13-jährigen Schülers. 16 Teilnehmer aus den Klassen fünf bis sieben der Grund- und Hauptschule sind zum Wappen-Workshop ins Hohenstaufengymnasium gekommen. Dr. Hanno Monauni, Wappen-Liebhaber und Heraldiker beim Verein Zunftmarkt, hat zum ersten Mal zu einer solchen Bastel-Werkstatt eingeladen, bei der er die Kreativität der Kinder fördern will.
„Ich wollte mal wissen, wie es im Mittelalter ausgesehen hat. Außerdem finde ich Wappen sehr schön“, erzählt Ünal. Schlachten und Ritter – ein Thema, das Jungen immer noch begeistert. Auch der 76-jährige Monauni hat als Kind mit seinen Freunden Ritter gespielt. Da Schilder und Wappen nicht fehlen durften, fing er mit zwölf Jahren an, welche zu malen – eine Leidenschaft, die ihn nicht mehr losließ. Nun geht er durch die Reihen, gibt Tipps oder greift zum Pinsel.
Feste Regeln „Ich lasse sie malen, auch wenn es teilweise gegen die Regeln verstößt“, sagt Monauni. Denn bei der Heraldik, der Wappenkunde, gibt es strenge Vorgaben. Farben dürfen nicht an Farben, Metalle nicht an Metalle stoßen. Weiß steht für Silber, Gelb für Gold. Auch Tiere haben eine besondere Bedeutung. Der Löwe war beispielsweise das Symbol der Welfen, der Adler das des Deutschen Reiches. „Das Kreuz hat irgendwas mit England zu tun“, überlegt die elfjährige Saskia. Eigentlich steht das Kreuz für den Papst, aber so genau nimmt es Hanno Monauni heute nicht. Der Drache kommt aus dem Slawischen und aus Wales. Und aus dem Löwen wird ein Leopard, wenn er zum Betrachter schaut.
Es ist fast wie eine Reise ins Mittelalter, wenn man Monaunis Geschichten lauscht: Von Königen und Kaisern, von Schlachten und Kämpfen, von Herolden, die sich zwischen die Fronten begeben, um Wappen zu deuten. Hanno Monauni fasziniert vor allem die Funktion der Wappen. „Es geht um die Erkennung von Freund und Feind.“ Hinter den dicken Brillengläsern verbirgt sich ein Mann mit soviel Wissen, das er sich über Jahrzehnte angeeignet hat. „Statt in die Glotze zu gucken, lese ich lieber ein Buch.“
Zunftwappen So genannte redende Wappen können auch Nicht-Heraldiker deuten. Denn sie enthalten Symbole, die jeder versteht. Die Brezel für den Bäcker, zwei gekreuzte Beile über einem Stierkopf für den Metzger, Hammer und Amboss beim Schmied. Im Vereinsheim des Zunftmarkts hängen diese Wappen. „Die Zunft der Apostelfischer ist die älteste, die in Wimpfen noch existiert“, sagt Monauni und deutet auf das blaue Wappen mit dem Anker und dem Fisch. In dem alten Fachwerkhaus liegt auch das Gästebuch mit weichem Ledereinband, in das sich auch amerikanische Generäle eingetragen haben. „Sie tragen den Ruf Wimpfens nach Amerika.“
Zurück im Zeichensaal des Hohenstaufengymnasiums: Bürgermeister Claus Brechter ermutigt die Kinder. „Es ist wichtig, dass man über die Geschichte Bescheid weiß“, sagt er. „Bleibt den ritterlichen Tugenden treu und verbunden.“ Mit soviel Zuspruch hatte Monauni nicht gerechnet. Über 70 Kinder haben sich angemeldet, im Januar und Februar werden noch mal Kurse angeboten. Ob die kleinen Künstler die entstandenen Wappen „für den Rest ihres Lebens tragen“, will Monauni mit den Schülern besprechen. Über ihren Betten werden sicher einige aufgehängt.
Quelle: Melanie Kräuter, Heilbronner Stimme



